Sonntag, 10. Juni 2007

Diningcar-Brigade stillgestanden

Abends haben wir immer im Speisewagen gegessen. In jedem Land wurde ein neuer Speisewagen angehängt, so dass die Fahrt auch eine Tour durch die Küchen dreier Länder war. Die Russen hatten sich bei ihrem Speisewagen offenbar den Innenarchitekten gespart. Alles war aus Plastik: die Wände, die Tische, die Stühle, die Tischdecke. Dafür waren die Kellnerinnen russisch herzlich. Es gab acht Tische und drei Kellnerinnen, die gemeinsam mit der Köchin die "Diningcar-Brigade" bildeten. Da nur wenige Gäste in den für russische Verhältnisse teuren Speisewagen kamen, saß die "Diningcar-Brigade" meist gelangweilt über vier Tische verteilt rum und las. Unsere Besuche waren daher eine willkommene Abwechslung. Wir haben vom ersten Tag an versucht, ein wenig Russisch zu sprechen, nichts Besonderes, nur "Danke", "Bitte" usw. Das hat aber großen Eindruck hinterlassen - und sich eines Abends ausgezahlt: Wegen der ständigen Zeitverschiebung waren wir erst recht spät in den Speisewagen gegangen. Nach dem Essen wollten wir noch einen Wodka trinken, die Kellnerinnen wollten aber ins Bett. Dank unserer guten deutsch-russischen Beziehungen konnte aber ein Kompromis gefunden werden: Wir bekamen unseren Wodka, während die Kellnerinnen in riesigen Nachthemden, bewaffnet mit Zahnbürsten und Kulturtaschen, um uns herum wuselten, um sich "bettfertig" zu machen.

Das Essen im russischen Speisewagen war zwar sehr fettig, aber durchaus lecker. Neben der unvermeidlichen Soljanka gab es Schnitzel und Lachs.

Der mongolische Speisewagen glänzte dagegen durch seine Innenausstattung. Wände, Tische und Stühle waren mit Holzschnitzereien verziert und an den Wänden hingen Pfleil und Bogen sowie Musikinstrumente aus Holz. Die Bedienung sprach sehr gut Englisch, akzeptierte Dollar und freute sich, dass wir mongolisches Bier probieren wollten. Zu Essen gab es Hammel mit eingelegtem Gemüse. Sehr gut. Und draußen zog die Wüste Gobi vorbei. Sehr schön.

Mongolisches Bier
Mongolisches Bier

Der chinesische Speisewagen war eine Enttäuschung. Alle Reiseführer hatten ihn zum besten auf der Fahrt gekürt. Wir fanden ihn den schlechtesten. Der Wagen war häßlich und das Personal unfreundlich. Zudem war das Essen schlecht - und es sollte noch ein Nachspiel haben. Aber davon später mehr.

Hund
Getarnt als Straßenköter passiert Geheimagent Sergej Nikolajew die chineschischen Sicherheitskräfte

Postcard? No, thanks!

Die Tage auf der Transsib waren sehr entspannend. Schon kurz nach der Abfahrt kehrte eine innere Ruhe ein, weil wir wußten, dass wir jetzt 6 Tage nichts anderes machen konnten als rumsitzen, essen, lesen und schlafen. Seltsamerweise wurde es nie langweilig. Wir sind meist so gegen 9 oder 10 Uhr aufgewacht, haben Tee getrunken und Knäckebrot gegessen, dabei ein wenig aus dem Fenster gesehen und Fotos gemacht. Dann haben wir gelesen, uns unterhalten, Tütensuppen warm gemacht, geduscht, wieder gelesen und am Abend sind wir dann in den Speisewagen gegegangen.

Für die Heizung wird Kohle angeliefert
Kohle für die Heizung

Transsib fährt durch Sibirien
Irgendwo in Sibirien

Zu den täglichen Höhepunkten zählten die Stopps an den Bahnhöfen. Wir sind jedesmal ausgestiegen, um etwas Bewegung zu bekommen. Den schönsten und saubersten Bahnhof hatte Krasnojarsk, wo irgendein Milliardär Gouverneur ist. Eher enttäuschend war dagegen der Bahnhof von Ulan Bator, obwohl wir dort einen regen kulurellen Austausch mit der heimischen Bevölkerung erleben durften. Ich hatte meinen Fuß noch nicht ganz auf dem Banhsteig, da fragte mich schon der erste: "Postcard?" "No, thanks." So ging es weiter. "Postcard?" "No, thanks." "Postcard?" "No, thanks." Wir hätte uns wahrscheinlich noch den ganzen Tag so angeregt unterhalten können, wenn der Zug nicht schon nach einer halben Stunde abgefahren wäre.

Der Bahnhof von Ulan Bator
Ulan Bator

Überhaupt war Ulan Bator eine sehr merkwürdige Stadt. Die Erfindung der Plastiktüte hat Ulan Bator nicht gut getan. Überall flogen Plastikbeutel in allen erdenklichen Farben umher. Wenn man in Ulan Bator mal während seines Einkaufs die Tasche vergessen hat, muss man wahrscheinlich nur auf der Straße den Arm ausstrecken und - zack - hat man schon 3 Plastiktüten in der Hand.
Auch das Stadtbild von Ulan Bator dürfte einzigartig sein. Neben unzähligen sozialistischen Plattenbauten stehen überall verstreut traditionelle Jurten und daneben völlig heruntergekommene Fabriken. Die Fahrt durch das Land hat uns dann aber wieder entschädigt.

Jurten in Ulan Bator
Jurten in Ulan Bator

Transsib fährt durch die Mongolei
Fahrt durch die Mongolei

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Koshi (Gast) - 8. Feb, 09:24
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