Transsib

Mittwoch, 13. Juni 2007

Schmuggeln: 1, Erdkunde: 6

Im Zug fuhren einige Mongolen mit. Einer war besonders lebending. In blau-weißen Pyjamahosen und ausgelatschten Sandalen marschierte er über jeden Bahnhof und plauderte dabei mit anderen Passagieren. Am zweiten Tag war ich an der Reihe. "Hello, I am from Mongolia", stellte er sich vor und wollte wissen, wo ich herkomme. "Ah, Germany", stellte er routiniert fest, "dann bist also nur zum Urlaub in Europa?" Ich fürchte bei der mongolischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?" wird er mit seinen Erdkunde-Kenntnissen schon recht früh scheitern. Dafür hatte er aber andere Talente: Kurz vor der russisch-mongolischen Grenze schleppte er riesige Pakete durch den Zug. Wenige Minuten nachdem wir die Grenze hinter uns gelassen hatten, schleppte er die gleichen Pakete mit einem breiten Grinsen im Gesicht wieder zurück.

Haus in China
Fahrt durch China

Flusstal in China
Flußtal zwischen mongolischer Grenze und Peking

Schlucht in China
Schlucht in China

Am Baikalsee

Zu den schönsten Momenten zählte die Fahrt um den Baikalsee. Wir hatten den Wecker am Abend zuvor auf 7 Uhr gestellt. Am Morgen muste ich nun meine gesamte Disziplin aufwenden, um tatsächlich aufzustehen - aber es hat sich gelohnt: Als ich den Vorhang unseres Abteils hochzog fuhr der Zug einen Berg hinunter, um eine scharfe Kurve und dann lag der See direkt neben uns. Über dem See ging gerade die Sonne auf, an den Ufern schwammen kleine Eisschollen und verzeinzelt ruderten Fischer in kleinen Booten auf den See hinaus.


Sonnenaufgang ueber dem Baikalsee
Sonnenaufgang über dem Baikalsee

Auf der anderen Seite der Gleise standen bunte Holzhäuser hinter denen sich hohe schneebedeckte Berge auftürmten. In den vier Stunden am Baikalsee habe ich ungefähr 100 Bilder gemacht. Die sehen zwar alle gleich aus, aber die Menge zeigt zumindest wie begeistert ich war.

Gebirge am Ufer des Baikalsees
Häuser am Ufer des Baikalsees

Eisschollen auf dem Baikalsee
Eisschollen auf dem Baikalsee

Montag, 11. Juni 2007

Die 2-Dollar-Kekse

Bizarr war der chinesische Grenzort Erlian an der Grenze zur Mongolei. Als wir ankamen war es draußen schon dunkel, aber der gesamte Bahnhof war von Scheinwerfern in helles orangenes Licht getaucht. Es roch unerträglich nach Schwefel und aus den Lautsprechern tönte die chinesischen Nationalhymne. Dann erklang eine Frauenstimme vom Band: "Hello. Welcome to China. How do you do?" Nach dieser sehr persönlichen kleinen Ansprache spielte der DJ "Für Elise", dann Rod Stewards "Sailing" und zum Schluss die Titelmusik von Titanic.

Nachdem die Grenzbeamten die Pässe eingesammelt hatten, stürmten sämtliche Passagiere in den einzigen winzig kleinen Supermarkt im Bahnhof, wo man in sämtlichen Wähnrungen der Welt bezahlen konnten. (Vermutlich wurden selbst die Talermünzen des historischen Weihnachtsmarktes angenommen.) Allerdings tippte die Kassiererin die Beträge nicht in die Kasse, sondern schätzte den Wert. Unsere Chips, die aussahen wie Pringles, aber keine waren, sowie zwei Packungen Kekse wurde mit einem kurzen Blick auf 2 Dollar taxiert.

Dann rasten alle wieder wie vom Affen gebissen zurück in den Zug, der nun eine kleine Ewigkeit lang hin und her rangiert wurde, damit die Räder auf die chinesische Spurbreite umgestellt werden konnten. Während des Rangierens tauchten einige Wagons unseres Zuges plötzlich neben unserem Wagon auf, was besonders diejenigen Passagiere erstaunte, die gerade ins Bett gehen wollten und nun in der Unterhose vor unserem Fenster standen.

Montagehalle an der chinesich-mongolischen Grenzen
Radwechsel an der chinesischen Grenze

Nach dem Rangieren wurde der Zug hochgehoben und neue Räder drunter montiert. An den Wänden der Montagehalle hatte jemand sehr schöne kommunistische Parolen gemalt - etwa: "Arbeitet zusammen zum Wohl des Volkes". Im realsozialistischen China ging es dann aber genau so zu wie auf realsozialmarktwirtschaftlichen deutschen Baustellen: Einer arbeitete und der Rest schaute zu. Nach geschlagenen 6 Stunden war das Prozedere beendet und wir waren froh, aus der schwefelhaltigen Luft rauszukommen.

Transsib-Abteil
Unser Abteil bei Ankunft in Peking

Sonntag, 10. Juni 2007

Diningcar-Brigade stillgestanden

Abends haben wir immer im Speisewagen gegessen. In jedem Land wurde ein neuer Speisewagen angehängt, so dass die Fahrt auch eine Tour durch die Küchen dreier Länder war. Die Russen hatten sich bei ihrem Speisewagen offenbar den Innenarchitekten gespart. Alles war aus Plastik: die Wände, die Tische, die Stühle, die Tischdecke. Dafür waren die Kellnerinnen russisch herzlich. Es gab acht Tische und drei Kellnerinnen, die gemeinsam mit der Köchin die "Diningcar-Brigade" bildeten. Da nur wenige Gäste in den für russische Verhältnisse teuren Speisewagen kamen, saß die "Diningcar-Brigade" meist gelangweilt über vier Tische verteilt rum und las. Unsere Besuche waren daher eine willkommene Abwechslung. Wir haben vom ersten Tag an versucht, ein wenig Russisch zu sprechen, nichts Besonderes, nur "Danke", "Bitte" usw. Das hat aber großen Eindruck hinterlassen - und sich eines Abends ausgezahlt: Wegen der ständigen Zeitverschiebung waren wir erst recht spät in den Speisewagen gegangen. Nach dem Essen wollten wir noch einen Wodka trinken, die Kellnerinnen wollten aber ins Bett. Dank unserer guten deutsch-russischen Beziehungen konnte aber ein Kompromis gefunden werden: Wir bekamen unseren Wodka, während die Kellnerinnen in riesigen Nachthemden, bewaffnet mit Zahnbürsten und Kulturtaschen, um uns herum wuselten, um sich "bettfertig" zu machen.

Das Essen im russischen Speisewagen war zwar sehr fettig, aber durchaus lecker. Neben der unvermeidlichen Soljanka gab es Schnitzel und Lachs.

Der mongolische Speisewagen glänzte dagegen durch seine Innenausstattung. Wände, Tische und Stühle waren mit Holzschnitzereien verziert und an den Wänden hingen Pfleil und Bogen sowie Musikinstrumente aus Holz. Die Bedienung sprach sehr gut Englisch, akzeptierte Dollar und freute sich, dass wir mongolisches Bier probieren wollten. Zu Essen gab es Hammel mit eingelegtem Gemüse. Sehr gut. Und draußen zog die Wüste Gobi vorbei. Sehr schön.

Mongolisches Bier
Mongolisches Bier

Der chinesische Speisewagen war eine Enttäuschung. Alle Reiseführer hatten ihn zum besten auf der Fahrt gekürt. Wir fanden ihn den schlechtesten. Der Wagen war häßlich und das Personal unfreundlich. Zudem war das Essen schlecht - und es sollte noch ein Nachspiel haben. Aber davon später mehr.

Hund
Getarnt als Straßenköter passiert Geheimagent Sergej Nikolajew die chineschischen Sicherheitskräfte

Postcard? No, thanks!

Die Tage auf der Transsib waren sehr entspannend. Schon kurz nach der Abfahrt kehrte eine innere Ruhe ein, weil wir wußten, dass wir jetzt 6 Tage nichts anderes machen konnten als rumsitzen, essen, lesen und schlafen. Seltsamerweise wurde es nie langweilig. Wir sind meist so gegen 9 oder 10 Uhr aufgewacht, haben Tee getrunken und Knäckebrot gegessen, dabei ein wenig aus dem Fenster gesehen und Fotos gemacht. Dann haben wir gelesen, uns unterhalten, Tütensuppen warm gemacht, geduscht, wieder gelesen und am Abend sind wir dann in den Speisewagen gegegangen.

Für die Heizung wird Kohle angeliefert
Kohle für die Heizung

Transsib fährt durch Sibirien
Irgendwo in Sibirien

Zu den täglichen Höhepunkten zählten die Stopps an den Bahnhöfen. Wir sind jedesmal ausgestiegen, um etwas Bewegung zu bekommen. Den schönsten und saubersten Bahnhof hatte Krasnojarsk, wo irgendein Milliardär Gouverneur ist. Eher enttäuschend war dagegen der Bahnhof von Ulan Bator, obwohl wir dort einen regen kulurellen Austausch mit der heimischen Bevölkerung erleben durften. Ich hatte meinen Fuß noch nicht ganz auf dem Banhsteig, da fragte mich schon der erste: "Postcard?" "No, thanks." So ging es weiter. "Postcard?" "No, thanks." "Postcard?" "No, thanks." Wir hätte uns wahrscheinlich noch den ganzen Tag so angeregt unterhalten können, wenn der Zug nicht schon nach einer halben Stunde abgefahren wäre.

Der Bahnhof von Ulan Bator
Ulan Bator

Überhaupt war Ulan Bator eine sehr merkwürdige Stadt. Die Erfindung der Plastiktüte hat Ulan Bator nicht gut getan. Überall flogen Plastikbeutel in allen erdenklichen Farben umher. Wenn man in Ulan Bator mal während seines Einkaufs die Tasche vergessen hat, muss man wahrscheinlich nur auf der Straße den Arm ausstrecken und - zack - hat man schon 3 Plastiktüten in der Hand.
Auch das Stadtbild von Ulan Bator dürfte einzigartig sein. Neben unzähligen sozialistischen Plattenbauten stehen überall verstreut traditionelle Jurten und daneben völlig heruntergekommene Fabriken. Die Fahrt durch das Land hat uns dann aber wieder entschädigt.

Jurten in Ulan Bator
Jurten in Ulan Bator

Transsib fährt durch die Mongolei
Fahrt durch die Mongolei

Samstag, 9. Juni 2007

Transsib in Russland

Leider habe ich gerade wenig Zeit, Beiträge zu schreiben. Daher nur einige Bilder:

Schnee-im-Ural
Schnee im Ural

Verkauf
Einkaufszentrum auf Sibirisch

Ulan-Ude
Mönche in Ulan Ude

Montag, 4. Juni 2007

Kölsche Chinesen

Vor der Abreise nach Peking wollten wir zum Prominenten-Friedhof des Neujungfrauen-Klosters, wo unter anderem Dostojewski und Tschechow begraben sind. Einige Tage zuvor hatte sich zu den toten Prominenten auch Boris Jelzin gesellt. In Russland ist es Sitte, dass sich die Verwandten nach einer Weile am Grab versammeln, um dem Verstorbenen zu gedenken. Jelzins Familie stand nun gerade an dessen Grab, als wir auf dem Friedhof ankamen. Ich hätte nie gdacht, dass ich eines Tages mit der Frau und der Tochter von Boris Jelzin an dessen Grab stehen würde. So spektakuklär war es allerdings nicht. Einige Familienmitglieder sahen denn auch recht gelangweillt aus.

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Danach war es Zeit, unserem Stadtführer Jefgeni "Auf Wiedersehen" zu sagen, um alleine durch Moskau zu gehen. Jefgeni fragte voller Zuversicht: "Habt ihr einen Stadtplan dabei?" Hatten wir nicht. Erstes Entsetzen machte sich auf Jefgenis Gesicht breit. "Habt ihr einen U-Bahn-Plan?" Hatten wir auch nicht. Nun zeigte sich in Jefgenis Gesicht blanke Panik. Wir waren wahrscheinlich die ersten Deutschen, die völlig ohne detailliertes Kartenmaterial gen Osten gefahren waren. Im Geiste sah er uns vermutlich so enden, wie der Held aus "Die Reise nach Petuschki" endete: nach einer langen Irrfahrt mit der Bahn durch die Moskauer Vororte zu Tode gehetzt und geprügelt. Jefgeni malte dann umständlich detaillierte Pläne auf einen winzigen Zettel, schrieb seine Handynummer auf und verabschiedete sich von uns offenbar in großer Sorge, wir wuerden es nie rechtzeitig zum Bahnhof schaffen.

Wir spazierten den Arbat runter, eine Fußgängerzone, die mich in ihrer Heruntergekommenheit eher an eine ostdeutsche Kleinstadt erinnert hat und gingen dann zum Roten Platz, weil wir mal sehen wollten, was da am 1. Mai so los war. Es war nichts los. Oder genauer gesagt: Es waren nur hunderte von Sicherheitskräften los, die den gesamten Platz abgeriegelt hatten. Lediglich ein einsamer Hund humpelte auf drei Beinen Richtung Kreml. Anschließend sind wir ohne Probleme mit der U-Bahn Richtung Hotel gefahren, haben unser Gepäck geholt und sind dann weiter zum Jaroslawer Bahnhof gefahren.

Moskau fand ich rückblickend deutlich entspannter als ich das vorher gedacht habe. Unsicher habe ich mich nie gefühlt. Nur eine Situation war etwas merkwürdig. Vor dem russischen Kriegsdenkmal wurden wir von einem Polizisten angehalten. Jefgeni hat die Sache für uns geklärt. Angeblich suchte der Polizist nach illegalen Chinesen. Angesehen hat er sich aber nur meinen Pass. Den Pass meiner japanischen Frau Sanae hat er keines Blickes gewürdigt. Offenbar sehe ich chinesischen Immigranten ähnlicher als Sanae.

Am Jaroslawer Bahnhof ging dann alles glatt. Ich hatte vorher befürchtet, der Bahnhof sei riesig und wir würden verzweifelt nach dem Gleis suchen. Es gab aber nur 5 Bahnsteige und einen Kiosk. Der Name "Peking" war selbst in kyrillischen Schriftzeichen gut zu entziffern und so konnten wir dann problemlos in die Transmongolische Eisenbahn einsteigen.

Unser erster Eindruck war sehr positiv. Das Abteil war geräumig und sauber, die Betten bequem und der chinesische Zugbegleiter (der mir in keinster Weise ähnlich sah) brachte sofort Bettbezüge und heißes Wasser für Tee. Der positive Eindruck hat uns die gesamten 6 Tage begleitet - so viel kann ich jetzt schon sagen.

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Samstag, 2. Juni 2007

Moskau, Moskau

Am Bahnhof wartete Jefgeni, der uns als Reiseführer zwei Tage Moskau zeigen würde. Jefgeni sah aus wie der junge Mel Brooks und sprach Deutsch mit einem schon fast stereotypen weichen russischen Akzent. Offenbar betreut Jefgeni normalerweise Deutsche, die auf Kosten der Pflegeversicherung nach Russland reisen. Jedenfalls erklaerte er uns detailliert, wie wir unsere Hoteltür aufschließen können, wo der Frühstücksraum im Hotel ist, wann wir essen können usw.. Außerdem fragte es uns während der beiden Tage alle 10 Minuten, ob wir vielleicht auf Toilette müssen.

Auf dem Weg ins Hotel kamen wir an einem Auto vorbei, das mit einer Straßenbahn zusammengestoßen war. Jefgeni stellte dazu nur fest: "Tschechische Straßenbahn ist härter als japanisches Auto". Dann erzählte er, dass vor kurzem eine alte Dame mit ihrem Auto frontal in einen stehenden Bus gefahren sei und anschließend erklärte, sie habe den Bus nicht gesehen. Jefgeni fand das zum Totlachen. Wir fanden das auch witzig.

Im Hotel stellte sich heraus, dass in Moskau gerade die Eishockey-WM stattfand und zahlreiche Fans sowie einige Mannschaften (darunter auch die deutsche) in unserem Hotel wohnten. Beide Gruppen waren recht einfach zu unterscheiden: Die Fans trugen Trikots, die Spieler Badelatschen.

Tagsüber haben wir uns den Kremel und das Neujungfrauen-Kloster angesehen. Das Kloster war sehenswert und hatte, laut Jefgeni, auch wunderschöne Toiletten, die ich aber leider verpasst habe.

Jefgeni entpuppte sich als glühender Putin-Anhänger. Putin habe die Wirtschaft auf Kurs gebracht, das Chaos beendet und vor allem dem Mittelstand wieder Stabilität gegeben. Die Russen würden, so Jefgeni, jeden Politiker zum nächsten Präsidenten wählen, den Putin vorschlägt. Andauernd lese er in der Zeitung, dass es keine Pressefreiheit gäbe. Das sei doch Beleg dafür, dass es in Russland Pressefreiheit gibt. Ganz überzeugt waren wir nicht.

Am Nachmittag sind wir dann ohne Jefgeni in den Park der Errungenschaften der Volkswirtschaft gegangen. Es war Sonntag und die Sonne schien. Daher spazierten viele junge Russen durch den Park. Der Park bestand im Wesentlichen aus zwei großen asphaltierten Straßen an deren Seiten riesige Gebäude in stalinistischer Archtektur standen.

Park

Die Gebäude waren alle leer - nur in einem fand gerade ein Schönheitswettbewerb für Katzen statt. Am Ende der Straßen standen zwei Aeroflot-Flugzeuge und eine Weltraumkapsel. Alles zusammen zeigte wohl die Errungenschaften der Volkswirtschaft.

Park-der-Errungenschaften-der-Volkswirtschaft

Samstag, 26. Mai 2007

Ruski? Njet!

Die Ueberfahrt nach Helsinki war recht entspannt. Am Buffet schaufelten sich die russischen LKW-Fahrer bergeweise Krabben auf den Teller, im Restaurant sass neben uns eine Deutsche, die ununterbrochen geredet hat, waehrend ihr finnischer Mann nur hin und wieder zustimmend brummte, einige Finnen schwankten staerker als das Schiff und vor dem Kinder-Spielparadies hatte jemand 5 Bierpaletten gestapelt. Mehr passierte bis Finnland nicht.

Helsinki war vor allem eines: kalt, saukalt. In Deutschland waren es bei unserer Abfahrt noch 30 Grad, in Finnland lediglich 7. Schlimmer noch: Es wehte staendig ein starker Wind. Die Stadt fanden wir eher enttaeuschend. Ganz nett als Durchgangsstation, aber alleine sicherlich keine Reise wert. Die Kathedrale sah von aussen gut aus, war innen allerdings protestantisch langweilig. Es gab eine Luther-Statue, eine meditierende Spanierin und eine chinesische Reisegruppe, die es eilig hatte.

Am Abend steigen wir dann in den Nachtzug nach Moskau. Vor dem Eingang steht eine russische Zugbegleiterin, die muerrisch auf die Tickets starrt und uns dann mit einem kurzen Kopfnicken widerwillig in den Zug laesst. Wenige Minuten nach der Abfahrt hat sie ihre strenge Uniform gegen eine lockere Traininghose getauscht und verteilt die Einreiseformulare fuer Russland, die es nur in russischer Sprache gibt. Daher fragt sie uns: ruski? Wir sagen: niet. Sie wirft die Augen in den Himmel.

Nun wir koennen zwar kein Russisch, haben dafuer aber ein Transsib-Handbuch, in dem genau beschrieben ist, wie man die Formulare ausfuellt. Das Prozedere ist daher keine grosse Herausforderung. Nach einiger Zeit steckt die Zugbegleiterin ihren Kopf ins Abteil, sieht unsere ausgefuellten Formulare, straht glueckselig und murmelt etwas auf Russisch, das wir nicht verstehen, weil es nicht in unserem Transsib-Handbuch steht. Fortan ist sie auf unserer Seite und laechelt bei jeder Begegnung auf dem Korridor so herzlich, als wuerden wir uns schon seit Jahren kennen.

Die Grenzkontrollen sind locker. Die finnischen Beamten sagen zu meiner japanischen Frau arigato (danke). Die russischen Beamten koennen kein Japanisch, sind aber durchaus freundlich und verlangen keinerlei Bestechungsgelder. Nach der Grenze schlafen wir. Morgen wartet ein anstrengendes Besichtigungsprogramm in Moskau.

Freitag, 25. Mai 2007

Travemuende-Tokio: Bitte einsteigen

Wir sitzen im Faehrhafen von Travemuende und trinken Holsten. Vor uns liegen eine Ueberfahrt nach Helsinki, sechs Tage mit der transmongolischen Eisenbahn von Moskau durch den Ural, Sibirien
und die Wueste Gobi nach China, eine Woche Peking und Qingdao, einige Tage Korea und schliesslich die Ankunft in Japan. Vor uns steht jetzt aber erst einmal ein aelterer Herr, der nichts sagt, aber immer wieder hektisch auf unser Gepaeck zeigt. Wir machen uns Sorgen um seinen Geisteszustand. Wahrscheinlich ein Finne, den die Freude ueber die moderate Alkoholsteuer in Deutschland ueberwaeltigt hat. Ploetzlich verstehen wir, was er meint: Seit einiger Zeit piept mein Reisewecker tief in der Tasche und die anderen Passagiere sind bereits einigermassen genervt. Sanae wird spaeter erzaehlen, dass sich mein Gesicht rot gefaerbt hat. Ich werde das auf das Bier schieben. Wie auch immer: Es geht los. Drei Wochen um die halbe Welt und anschliessend ein Jahr in Tokio.

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