Donnerstag, 19. Juli 2007

Fortschritt essen Rindshorn auf

Japaner unterzeichnen nicht handschriftlich, sondern mit einem Namensstempel, einem so genannten hanko. Weil Ausländer eigentlich überall per Hand unterzeichnen dürfen, hatte ich nicht vor, mir einen Namensstempel zu kaufen – bis zu dem Tag, an dem ich mein Konto eröffnet habe. Voller Zuversicht hatte ich der Postbank-Mitarbeiterin erklärt, dass ich keinen hanko besitze, woraufhin sie ein Handbuch auf den Tresen stemmte, das den Umfang eines Otto-Kataloges hatte. Dann blätterte sie und las und blätterte und las. Nach bestimmt 10 Minuten hob sie den Kopf. Die Falten auf ihrer Stirn zeugten vom großen Bedauern, das sie in diesen schweren Minuten quälte. Mit leiser Stimme erklärte sie: Ja, man könne auch handschriftlich den Vertrag unterzeichnen, aber…. Das Problem habe ich ehrlich gesagt nicht ganz verstanden. Es war jedoch klar, dass ein Kompromiss her musste. Der sah dann so aus, dass meine Frau mit ihrem Namensstempel für mich unterzeichnet hat und ich versprechen musste, eines Tages mit meinem eigenen hanko wiederzukommen. Eine Frist wurde nicht vereinbart. Ich hätte wahrscheinlich auch in 30 Jahren wiederkommen können – es war eben ein echter japanischer Kompromiss.

Als pflichtbewusster Deutscher bin ich aber dennoch sofort in den nächsten hanko-Laden marschiert, um mir einen aus schwarzem Rindshorn gefertigten Namensstempel zu kaufen. Eingraviert ist mein Name in Katakana, also in japanischen Schriftzeichen, die speziell für ausländische Wörter verwendet werden. Nach zwei Wochen war der Stempel fertig. Mitsamt meinem neuen hanko bin ich nun gestern stolz zurück zur Postbank gegangen, wo mir erklärt wurde, das mit dem hanko sei gut und schön – aber nicht sonderlich sicher. Daher habe man mittlerweile ein biometrisches Erkennungsverfahren eingeführt. Ich solle lediglich meinen Daumen einscannen lassen und in Zukunft müsse ich dann nur noch meine Hand und meine EC-Karte mitbringen, um die Geldgeschäfte zu erledigen.


Mein Namensstempel mit Etui und rotem Stempelkissen

Nun gut, dachte ich, der Fortschritt hatte mein schönes Rindshorn also bereits überflüssig werden lassen – aber immerhin kann ich künftig dem Postboten den Erhalt wichtiger Briefe mit meinem Namensstempel quittieren. Aber es kam anders, denn der Fortschritt hat bekanntlich seine Tücken. Ich wurde angewiesen, meinen Daumen auf einen Sensor zu halten bis die grüne Lampe aufleuchtete. Es blinkte aber immer nur die rote Lampe. Also kam eine zweite Mitarbeiterin, korrigierte meine Daumenhaltung. Rote Lampe. Andere Daumenposition. Rote Lampe. Meine Frau hatte auch einige Tipps. Rote Lampe. Während zwei Mitarbeiterinnen und meine Frau damit beschäftigt waren, meinen Daumen auszurichten, tauchte neben mir ein steinalter Mann auf und beschwerte sich, dass ich den ganzen Betrieb aufhalten würde. Daraufhin habe ich erklärt, ich würde später noch mal wiederkommen. Eine Frist wurde nicht vereinbart – vielleicht komme ich in 30 Jahren wieder.

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