Montag, 4. Juni 2007

Kölsche Chinesen

Vor der Abreise nach Peking wollten wir zum Prominenten-Friedhof des Neujungfrauen-Klosters, wo unter anderem Dostojewski und Tschechow begraben sind. Einige Tage zuvor hatte sich zu den toten Prominenten auch Boris Jelzin gesellt. In Russland ist es Sitte, dass sich die Verwandten nach einer Weile am Grab versammeln, um dem Verstorbenen zu gedenken. Jelzins Familie stand nun gerade an dessen Grab, als wir auf dem Friedhof ankamen. Ich hätte nie gdacht, dass ich eines Tages mit der Frau und der Tochter von Boris Jelzin an dessen Grab stehen würde. So spektakuklär war es allerdings nicht. Einige Familienmitglieder sahen denn auch recht gelangweillt aus.

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Danach war es Zeit, unserem Stadtführer Jefgeni "Auf Wiedersehen" zu sagen, um alleine durch Moskau zu gehen. Jefgeni fragte voller Zuversicht: "Habt ihr einen Stadtplan dabei?" Hatten wir nicht. Erstes Entsetzen machte sich auf Jefgenis Gesicht breit. "Habt ihr einen U-Bahn-Plan?" Hatten wir auch nicht. Nun zeigte sich in Jefgenis Gesicht blanke Panik. Wir waren wahrscheinlich die ersten Deutschen, die völlig ohne detailliertes Kartenmaterial gen Osten gefahren waren. Im Geiste sah er uns vermutlich so enden, wie der Held aus "Die Reise nach Petuschki" endete: nach einer langen Irrfahrt mit der Bahn durch die Moskauer Vororte zu Tode gehetzt und geprügelt. Jefgeni malte dann umständlich detaillierte Pläne auf einen winzigen Zettel, schrieb seine Handynummer auf und verabschiedete sich von uns offenbar in großer Sorge, wir wuerden es nie rechtzeitig zum Bahnhof schaffen.

Wir spazierten den Arbat runter, eine Fußgängerzone, die mich in ihrer Heruntergekommenheit eher an eine ostdeutsche Kleinstadt erinnert hat und gingen dann zum Roten Platz, weil wir mal sehen wollten, was da am 1. Mai so los war. Es war nichts los. Oder genauer gesagt: Es waren nur hunderte von Sicherheitskräften los, die den gesamten Platz abgeriegelt hatten. Lediglich ein einsamer Hund humpelte auf drei Beinen Richtung Kreml. Anschließend sind wir ohne Probleme mit der U-Bahn Richtung Hotel gefahren, haben unser Gepäck geholt und sind dann weiter zum Jaroslawer Bahnhof gefahren.

Moskau fand ich rückblickend deutlich entspannter als ich das vorher gedacht habe. Unsicher habe ich mich nie gefühlt. Nur eine Situation war etwas merkwürdig. Vor dem russischen Kriegsdenkmal wurden wir von einem Polizisten angehalten. Jefgeni hat die Sache für uns geklärt. Angeblich suchte der Polizist nach illegalen Chinesen. Angesehen hat er sich aber nur meinen Pass. Den Pass meiner japanischen Frau Sanae hat er keines Blickes gewürdigt. Offenbar sehe ich chinesischen Immigranten ähnlicher als Sanae.

Am Jaroslawer Bahnhof ging dann alles glatt. Ich hatte vorher befürchtet, der Bahnhof sei riesig und wir würden verzweifelt nach dem Gleis suchen. Es gab aber nur 5 Bahnsteige und einen Kiosk. Der Name "Peking" war selbst in kyrillischen Schriftzeichen gut zu entziffern und so konnten wir dann problemlos in die Transmongolische Eisenbahn einsteigen.

Unser erster Eindruck war sehr positiv. Das Abteil war geräumig und sauber, die Betten bequem und der chinesische Zugbegleiter (der mir in keinster Weise ähnlich sah) brachte sofort Bettbezüge und heißes Wasser für Tee. Der positive Eindruck hat uns die gesamten 6 Tage begleitet - so viel kann ich jetzt schon sagen.

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